Wanderimkerei: Dem Blütenmeer auf der Spur

Für viele bedeutet Imkerei: Beuten aufstellen, den Bienen beim Einfliegen zusehen und im Sommer flüssiges Gold ernten. Doch was passiert, wenn vor der eigenen Haustür die Blütezeit vorbei ist, während wenige Kilometer weiter die Natur in voller Pracht steht? Hier kommt die Wanderimkerei ins Spiel – eine traditionelle und zugleich dynamische Form der Bienenhaltung.

Beim Anwandern (auch Anwandern von Trachten genannt) zieht der Imker mit seinen Völkern den Blühphasen verschiedener Pflanzen nach. Was treibt Wanderimker an, wie funktioniert die Logistik hinter den Kulissen, und welche Herausforderungen bringt das „Reisen mit Millionen Passagieren“ mit sich?

Warum wandern? Die Vorteile auf einen Blick

  1. Sortenreine Honige ernten:

    Standimker ernten meist Frühjahrs- und Sommerblütenhonig. Wer jedoch gezielt Spezialitäten wie Robinien- (Akazien-), Kastanien-, Tannen- oder Heidehonig ernten möchte, muss dorthin, wo diese Pflanzen in großer Dichte vorkommen.

  2. Optimales Trachtangebot:

    Nach der Rapsblüte fällt das Nahrungsangebot in vielen landwirtschaftlich geprägten Regionen schlagartig ab (das sogenannte „Trachtloch“ im Frühsommer). Durch das Wandern sichert der Imker seinen Völkern eine kontinuierliche und vielfältige Nährstoffversorgung.

  3. Bestäubungsleistung sichern:

    Wanderimker leisten einen unschätzbaren Beitrag für die Landwirtschaft und den Obstbau, indem sie Völker gezielt zur Bestäubung von Apfelplantagen, Sonnnenblumen- oder Rapssfeldern bereitstellen.

Die Kunst des Reisens: Wie funktioniert das Wandern?

Bienen mit dem Auto oder Anhänger zu transportieren, erfordert präzises Timing, gute Vorbereitung und profundes Wissen über das Verhalten der Insekten.

  • Nachtschicht für den Imker:

    Gewandert wird meist in den späten Abendstunden oder frühen Morgenstunden, wenn alle Flugbienen im Stock sind. Sobald der Flugbetrieb eingestellt ist, werden die Fluglöcher verschlossen und die Beuten gesichert.

  • Gute Durchlüftung ist überlebenswichtig:

    Bienen geraten beim Transport leicht in Stress und erzeugen enorme Wärme. Ohne ausreichende Belüftung (z. B. durch Wandergitter im Boden oder Deckel) besteht das Risiko, dass das Volk „verbraust“ – also an der eigenen Hitze und Luftfeuchtigkeit zugrunde geht.

    • Der neue Standplatz:

      Am Zielort angekommen, werden die Beuten aufgestellt, ausgerichtet und die Fluglöcher geöffnet. Schon kurz darauf erkunden die Orientierungsbienen die neue Umgebung.

Die Herausforderungen: Nicht nur Romantik

Auch wenn das Bild vom Imker, der dem Blütenmeer hinterherreist, idyllisch wirkt, ist die Wanderimkerei mit hartem Körpereinsatz und bürokratischem Aufwand verbunden:

    • Logistik & Muskelkraft:

      Vollbesetzte Beuten inklusive Honigräumen wiegen schnell 30 bis 50 Kilogramm oder mehr. Ohne Hebetechnik, Anhänger und kräftiges Anpacken geht hier nichts.

    • Veterinärrecht & Gesundheit:

      Um die Verbreitung von Bienenkrankheiten (wie der Amerikanischen Faulbrut) zu verhindern, ist vor jedem Umzug ein Gesundheitszeugnis vom zuständigen Amtsveterinär erforderlich. Zudem muss der neue Standplatz angemeldet werden.

    • Wetter- und Trachtrisiko:

      Spielt das Wetter am Zielort nicht mit (z. B. Dauerregen während der kurzen Robinienblüte), bleibt der Honigraum leer – trotz des gesamten Transportaufwands.

Fazit

Die Wanderimkerei ist die Königsdisziplin der Bienenhaltung. Sie verlangt Imkerinnen und Imkern ein hohes Maß an Flexibilität, Planung und körperlichem Einsatz ab, beschenkt sie und alle Honigliebhaber jedoch mit einer faszinierenden Vielfalt an regionalen Honigspezialitäten.